Neurodiversität verstehen: Sie wird dann interessant, wenn wir aufhören, nur über Diagnosen zu sprechen

Neurodiversität verstehen: Sie wird dann interessant, wenn wir aufhören, nur über Diagnosen zu sprechen

Neurodiversität wird dann interessant, wenn wir aufhören, nur über Diagnosen zu sprechen.

Denn im Arbeitsalltag begegnen uns keine Diagnosen, sondern Menschen. Menschen mit unterschiedlichen Stärken, Bedürfnissen und Voraussetzungen und Situationen, in denen Zusammenarbeit gut funktioniert oder eben auch schwierig werden kann.

Genau darum ging es letzte Woche an unserem Praxistag «Neurodiverse Teams führen», den ich gemeinsam mit 👍Robin Leins durchgeführt habe.

Wenn jemand Abmachungen nicht einhält, sich in Sitzungen wenig beteiligt, sehr direkt kommuniziert oder schneller an seine Belastungsgrenze kommt, haben wir schnell eine Erklärung dafür.

Aber stimmt unsere Erklärung auch?

Wir haben deshalb nicht einzelne Diagnosen ins Zentrum gestellt, sondern angeschaut, welche Funktionsbereiche im Arbeitsalltag eine Rolle spielen können: Aufmerksamkeit, Reizverarbeitung, exekutive Funktionen, Kommunikation, Regulation und Energiehaushalt.

Und für mich ist dabei als Führungskraft eine Frage entscheidend:

Was kann ich beeinflussen und gestalten, damit Zusammenarbeit besser gelingt?

Dazu gehört für mich auch, miteinander ins Gespräch zu kommen. Erwartungen klar anzusprechen, nachzufragen, wie das Gegenüber eine Situation erlebt und gemeinsam nach Möglichkeiten zu suchen.

Nicht alles ist möglich. Nicht jedes Bedürfnis kann erfüllt werden und nicht jede Schwierigkeit lässt sich mit Neurodivergenz erklären.

Verstehen heisst nicht entschuldigen. Verstehen erweitert Handlungsmöglichkeiten.

Das ist mir wichtig.

 

©Copyright aller Bilder:
Beatrice Hirsiger

Neurodiverse Teams führen
Neurodiverse Teams führen - was sehen wir?
Neurodiverse Teams führen - empathisch zuhören
Neurodiverse Teams führen - ansprechen
Neurodiverse Teams führen - diet comes from die

©Copyright aller Bilder:
Beatrice Hirsiger

Wir hatten an diesem Tag viel Fachwissen im Raum, aber genauso wichtig waren die Erfahrungen und Fragen der Teilnehmenden. Es wurde diskutiert, ausprobiert, nachgefragt und auch mal unterschiedlich auf eine Situation geschaut.

Denn die eine richtige Lösung für «neurodiverse Führung» gibt es nicht. Dafür sind Menschen, Teams und Arbeitsumgebungen viel zu unterschiedlich.

Nach dem Praxistag haben uns noch persönliche Rückmeldungen erreicht. Eine Teilnehmerin schrieb, dass ihr das Fotoprotokoll hilft, «die vielen Inputs immer wieder in Erinnerung zu rufen.»

Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Denn genau das wünsche ich mir nach einem solchen Tag: Dass nicht alles mit dem letzten Programmpunkt abgeschlossen ist, sondern etwas hängen bleibt. Vielleicht eine Idee, eine Frage oder ein anderer Blick auf eine Situation im eigenen Arbeitsalltag.

Vielen Dank an alle Teilnehmenden für eure Offenheit, eure Fragen und den Austausch.

Und lieber 👍Robin: Danke für die gemeinsame Entwicklung und Durchführung dieses Praxistages. Es hat richtig Freude gemacht. 😊

#Neurodiversität #Führung #NeurodiverseTeams #Zusammenarbeit #ADHS #Autismus

 

Wenn Verhalten nicht vorschnell bewertet wird

Wenn Verhalten nicht vorschnell bewertet wird

An zwei Halbtagen durfte ich mit Lehrpersonen der Sekundarstufe I zum Thema neurodivergente Jugendliche im Schulalltag arbeiten. Im Zentrum stand für mich nicht in erster Linie die Frage nach Diagnosen, sondern die gemeinsame Suche danach, wie Jugendliche im Schulalltag besser verstanden und hilfreicher begleitet werden können – besonders dann, wenn Verhalten irritiert, herausfordert oder schnell falsch eingeordnet wird.

Was mich in diesen beiden Halbtagen besonders berührt hat, war die Offenheit der Lehrpersonen. Es wurde nicht nur aufmerksam zugehört, sondern ehrlich gefragt, nachgedacht, hinterfragt und mitgerungen. Lehrpersonen brachten konkrete Situationen aus ihrem Alltag ein, sprachen Unsicherheiten aus und suchten gemeinsam nach einem differenzierteren Blick. Genau das habe ich als grosse Stärke erlebt.

Immer wieder wurde sichtbar, wie schnell im Schulalltag vor allem das Auffällige ins Auge fällt: Rückzug, Unruhe, Gereiztheit, Verweigerung oder Schwierigkeiten, in eine Aufgabe hineinzufinden. Weniger sichtbar bleibt oft, wie viel innere Anstrengung manche Jugendliche leisten, um überhaupt mitzuhalten, Reize zu filtern, Übergänge zu bewältigen oder Erwartungen zu verstehen. Für mich liegt gerade dort ein wichtiger Schlüssel: Verhalten nicht vorschnell zu bewerten, sondern sich zu fragen, was dahinterliegen könnte.

Neuro World Café - ein bewegender und gelungener Auftakt
Neuro World Café - ein bewegender und gelungener Auftakt

Auch der Zusammenhang zwischen Stress und dem Zugriff auf Fähigkeiten war ein wichtiges Thema. Ein Auftrag kann verstanden sein – und trotzdem gelingt der Einstieg nicht. Wissen kann vorhanden sein – und unter Druck plötzlich nicht mehr verfügbar sein. Solche Momente im Schulalltag anders einzuordnen, verändert nicht alles. Aber es verändert, wie wir hinschauen und wie wir reagieren.

In den Gesprächen wurde deutlich, wie wichtig Klarheit, Orientierung und verlässliche Strukturen sein können. Gleichzeitig zeigte sich auch, wie anspruchsvoll und komplex der Schulalltag für alle Beteiligten ist. Nicht nur Jugendliche geraten unter Druck, sondern auch Lehrpersonen. Umso wertvoller ist es, wenn im Team Räume entstehen, in denen Fragen geteilt, Beobachtungen gemeinsam reflektiert und Erfahrungen miteinander genutzt werden können.

Ich nehme aus diesen beiden Halbtagen viele ehrliche Begegnungen, eine grosse Bereitschaft zum Mitdenken und ein engagiertes Lehrerteam mit, das bereit ist, genauer hinzuschauen und den eigenen Blick immer wieder zu überprüfen. Das hat mich sehr gefreut und beeindruckt.

Solche Auseinandersetzungen stärken nicht nur die einzelnen Lehrpersonen. Sie schaffen auch die Grundlage für einen Schulalltag, in dem Jugendliche sich eher verstanden fühlen, Orientierung erhalten und Entwicklung möglich bleibt.

Neuro World Café vom 12. März 2026 – ein bewegender und gelungener Auftakt

Neuro World Café vom 12. März 2026 – ein bewegender und gelungener Auftakt

Am 12. März 2026 fand unser erstes Neuro World Café statt – und wir blicken mit grosser Dankbarkeit auf einen Anlass zurück, der viele Menschen bewegt hat.

Gemeinsam mit Judith Jörg-Candreia und Ruedi Ernst haben wir dieses erste Neuro World Café im Vorstand des Vereins Neuro World Café auf die Beine gestellt. Ich bin sehr dankbar, Teil dieses Teams zu sein.

Menschen aus unterschiedlichen Kontexten kamen zusammen: Lernende, Fachpersonen, Berufsbildner:innen, Lehrpersonen, Eltern und weitere Interessierte. Es entstand ein Raum für echten Dialog, Zuhören, Nachdenken und Perspektivenwechsel – genau das, was wir uns für dieses Format erhofft hatten.

Besonders eindrücklich war, wie offen Lernende ihre Erfahrungen geteilt haben. Ihre Stimmen gaben dem Nachmittag Tiefe, Echtheit und Bedeutung. Rückmeldungen, dass sie sich ernst genommen, gehört und mit ihren Erfahrungen nicht allein fühlten, zeigen, wie wichtig solche Dialogräume sind.

Gleichzeitig war spürbar, wie sehr die Teilnehmenden von den Schilderungen der Lernenden berührt waren. Nicht abstrakte Konzepte standen im Zentrum, sondern gelebte Realität. Das hat bewegt, zum Nachdenken angeregt und neue Perspektiven eröffnet.

Neuro World Café - ein bewegender und gelungener Auftakt
Neuro World Café - ein bewegender und gelungener Auftakt
Neuro World Café - ein bewegender und gelungener Auftakt
Neuro World Café - ein bewegender und gelungener Auftakt
Neuro World Café - ein bewegender und gelungener Auftakt
Neuro World Café - ein bewegender und gelungener Auftakt

Ein ganz besonderer Dank geht an unsere Tischmoderator:innen, die mit Präsenz, Sorgfalt und Engagement wesentlich dazu beigetragen haben, dass diese Gespräche in einer wertschätzenden und tragenden Atmosphäre möglich wurden:
Andreas Bachmann Bettina Horber ​​Cindy Law​ CoKo Kopanski ​​Doris Oeschger Jean-Claude Zollinger ​Simone Bulach Sonja Bachmann

Ebenso danken wir allen, die dabei waren, mitgedacht, mitgefühlt und mitgetragen haben.
Dieser erste Anlass hat deutlich gezeigt, wie gross das Bedürfnis nach solchen Räumen ist.

Das Neuro World Café soll weiterwachsen.
Denn wenn Erfahrungen ernst genommen, Perspektiven zusammengebracht und Menschen miteinander ins Gespräch kommen, entsteht Bewegung.

Danke an alle, die diesen Auftakt möglich gemacht haben.

→ Mehr zum Verein Neuro World Café

#NeuroWorldCafé #Neurodivergenz #Berufsbildung #Lernende #Inklusion #Dialog #Perspektivenwechsel #Bildung #ÜbergangSchuleBeruf

Wenn Lernende scheitern: Sind die Strukturen klar genug?

Wenn Lernende scheitern: Sind die Strukturen klar genug?

Neurodiversität als Qualitätsfrage in der Berufsbildung

In Gesprächen mit Berufsbildner:innen erlebe ich immer wieder:

Nicht jede Schwierigkeit ist individuell.
Oft wird an einzelnen Lernenden sichtbar, was strukturell unklar ist.

Wenn Lernende mit ADHS oder Autismus immer wieder an denselben Punkten scheitern, lohnt sich eine unbequeme Frage:

🔎 sind die Anforderungen klar genug formuliert?
🔎 sind Abläufe transparent?
🔎 sind Erwartungen ausgesprochen – oder nur implizit?

Gerade dort, wo es bei Einzelnen schwierig wird, zeigen sich oft Unklarheiten im System.

Neurodiversität sichtbar zu machen heisst für mich nicht, Sonderwege zu bauen.
Es heisst, Strukturen so zu klären, dass sie tragfähig werden.

📌 Das ist Qualitätsentwicklung – keine Sonderpädagogik.

Wir begleiten Jugendliche individuell und stärken sie

Wir begleiten Jugendliche individuell und stärken sie

neurobridge ist ein neues Angebot der p-o-s & partner ag. Entstanden aus dem Wunsch, junge Menschen mit ADHS oder Autismus (auch neurodivergent genannt) auf ihrem Weg in die Lehre ganz konkret zu begleiten. Wir unterstützen Lernende in ihrer ersten beruflichen Grundbildung und auch die Menschen um sie herum: Eltern, Lehrpersonen, Berufsbildner:innen und Betriebe. Gemeinsam schaffen wir Verbindungen, wo sonst Reibung oder Rückzug drohen.

HORGNER NEWS #03/2025
Text: Iris Rothacher / Foto: zVg

neurobridge ist ein neues Angebot der p-o-s & partner ag. Entstanden aus dem Wunsch, junge Menschen mit ADHS oder Autismus (auch neurodivergent genannt) auf ihrem Weg in die Lehre ganz konkret zu begleiten.

Beatrice Hirsiger & Jean-Claude Zollinger

Unsere Firma ist einzigartig, weil …
… wir hinschauen, wo andere vorschnell bewerten. Mit neurobridge bringen wir unterschiedliche Perspektiven zusammen und sehen in anderen Denk- und Lernstilen keine Störung, sondern eine Bereicherung. Wir begleiten Jugendliche individuell und stärken sie darin, ihren eigenen Weg zu finden.

Wir überzeugen unsere Kunden mit …
… Echtheit, Erfahrung und einer klaren Haltung: Jeder Mensch ist entwicklungsfähig. Gerade wenn es herausfordernd wird, braucht es Beziehung, Struktur und Raum für Eigenverantwortung. Wir arbeiten nicht nach Schema F, sondern mit dem, was da ist, manchmal mit Visualisierung, Routinen, manchmal einfach mit Zeit und Zuhören.

Unsere neueste Errungenschaft ist …
… eine ganzheitliche Begleitung von Jugendlichen mit ADHS oder Autismus in der beruflichen Grundbildung, als Job-Coach, Beraterin, Koordinatorin. Wir bringen Schule, Betrieb und Familie in einen guten Dialog und gestalten Rahmenbedingungen, die wirklich passen.

In wenigen Worten zusammengefasst sind wir …
… beziehungsorientiert, klar, wertschätzend und mit einem feinen Gespür für Spannungsfelder und mit Mut zur echten Entwicklung.

Unser Geheimtipp in Horgen …
… ist der Horgenberg mit seinem Wald. Dort finden wir Ruhe beim gemeinsamen Brainstorming und oft neue Gedanken und Ideen, wie wir Menschen, Betriebe und Institutionen noch besser begleiten können.

Chancengerechtigkeit im Schulalltag

Chancengerechtigkeit im Schulalltag

Vor Kurzem habe ich eine Erfahrung gemacht, die mich nicht loslässt.

In einem sorgfältig geführten Gespräch wurden für eine neurodivergente lernende Person konkrete Nachteilsausgleiche vereinbart, klar, nachvollziehbar und im Einvernehmen aller Beteiligten. Es ging um zeitliche Entlastung bei Prüfungen, einen reizarmen Prüfungsplatz, klare Regeln für Präsentationen und Gruppenarbeiten. Alles mit dem Ziel, Chancengerechtigkeit im Schulalltag zu schaffen, so, wie es auch die UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) vorsieht.

Umso irritierender war es, als ich den schriftlich festgehaltenen Nachteilsausgleich sah:
Statt Klarheit vage Formulierungen wie «wenn möglich», «möglichst», «sollte».

Trotz konkreter Absprachen wird im offiziellen Dokument so offen formuliert, dass die tatsächliche Umsetzung von der einzelnen Lehrperson abhängt. Formulierungen wie «Gruppenarbeit wenn vom schulischen Setting her möglich, zu dritt» schaffen keinen verlässlichen Rahmen, dabei wäre genau das notwendig: Verbindlichkeit, Klarheit, Schutz.

Das Problem ist nicht nur sprachlicher Natur.
Für die betroffene Person bedeutet diese Unklarheit: Unsicherheit. Zweifel, ob sie sich auf die Vereinbarungen verlassen kann. Stress, der sich vermeiden liesse.

Ich verstehe, dass Schulen praktikable Lösungen im Alltag brauchen, aber diese dürfen nicht zulasten der Betroffenen gehen.

🔍 Ein Nachteilsausgleich ist kein pädagogisches Entgegenkommen, sondern ein Rechtsanspruch.
Und der muss verlässlich und konsequent umgesetzt werden, gerade im prüfungsrelevanten Kontext.

Für junge Menschen mit ADHS, Autismus oder anderen Formen von Neurodivergenz ist es zentral, dass vereinbarte Massnahmen verlässlich und konsequent umgesetzt werden, sonst wird aus einer Unterstützungsstrategie eine weitere Belastung.

👉 Wir brauchen mehr Bewusstsein, klare Sprache und echte Zusammenarbeit zwischen Lernenden, Begleitpersonen und Schulen.

Ich setze mich weiter dafür ein, für faire Chancen, echte Teilhabe und wirksame Strukturen.

Wie erlebt ihr das in eurem Berufsalltag?
Ich freue mich über eure Erfahrungen, Perspektiven oder Fragen.

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Bildquelle: Annie Spratt, unsplash.com