An zwei Halbtagen durfte ich mit Lehrpersonen der Sekundarstufe I zum Thema neurodivergente Jugendliche im Schulalltag arbeiten. Im Zentrum stand für mich nicht in erster Linie die Frage nach Diagnosen, sondern die gemeinsame Suche danach, wie Jugendliche im Schulalltag besser verstanden und hilfreicher begleitet werden können – besonders dann, wenn Verhalten irritiert, herausfordert oder schnell falsch eingeordnet wird.

Was mich in diesen beiden Halbtagen besonders berührt hat, war die Offenheit der Lehrpersonen. Es wurde nicht nur aufmerksam zugehört, sondern ehrlich gefragt, nachgedacht, hinterfragt und mitgerungen. Lehrpersonen brachten konkrete Situationen aus ihrem Alltag ein, sprachen Unsicherheiten aus und suchten gemeinsam nach einem differenzierteren Blick. Genau das habe ich als grosse Stärke erlebt.

Immer wieder wurde sichtbar, wie schnell im Schulalltag vor allem das Auffällige ins Auge fällt: Rückzug, Unruhe, Gereiztheit, Verweigerung oder Schwierigkeiten, in eine Aufgabe hineinzufinden. Weniger sichtbar bleibt oft, wie viel innere Anstrengung manche Jugendliche leisten, um überhaupt mitzuhalten, Reize zu filtern, Übergänge zu bewältigen oder Erwartungen zu verstehen. Für mich liegt gerade dort ein wichtiger Schlüssel: Verhalten nicht vorschnell zu bewerten, sondern sich zu fragen, was dahinterliegen könnte.

Neuro World Café - ein bewegender und gelungener Auftakt
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Auch der Zusammenhang zwischen Stress und dem Zugriff auf Fähigkeiten war ein wichtiges Thema. Ein Auftrag kann verstanden sein – und trotzdem gelingt der Einstieg nicht. Wissen kann vorhanden sein – und unter Druck plötzlich nicht mehr verfügbar sein. Solche Momente im Schulalltag anders einzuordnen, verändert nicht alles. Aber es verändert, wie wir hinschauen und wie wir reagieren.

In den Gesprächen wurde deutlich, wie wichtig Klarheit, Orientierung und verlässliche Strukturen sein können. Gleichzeitig zeigte sich auch, wie anspruchsvoll und komplex der Schulalltag für alle Beteiligten ist. Nicht nur Jugendliche geraten unter Druck, sondern auch Lehrpersonen. Umso wertvoller ist es, wenn im Team Räume entstehen, in denen Fragen geteilt, Beobachtungen gemeinsam reflektiert und Erfahrungen miteinander genutzt werden können.

Ich nehme aus diesen beiden Halbtagen viele ehrliche Begegnungen, eine grosse Bereitschaft zum Mitdenken und ein engagiertes Lehrerteam mit, das bereit ist, genauer hinzuschauen und den eigenen Blick immer wieder zu überprüfen. Das hat mich sehr gefreut und beeindruckt.

Solche Auseinandersetzungen stärken nicht nur die einzelnen Lehrpersonen. Sie schaffen auch die Grundlage für einen Schulalltag, in dem Jugendliche sich eher verstanden fühlen, Orientierung erhalten und Entwicklung möglich bleibt.